Meßkirch will Mittelalter nachbauen

Was geht im Mittelalter?
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Norbert von Thule
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Re: Meßkirch will Mittelalter nachbauen

Beitrag von Norbert von Thule » 17.06.2013, 16:28

In der Schwäbischen am 12.06.13:
Corinna Wolber hat geschrieben:
Die Klosterstadt-Container sind da

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Rico Prochaska ist mit dem Aufbau des Informationscontainers beschäftigt. (Foto: Corinna Wolber)

Auf der Baustelle von Campus Galli geht es zurzeit zügig voran ”“ Mitarbeiter einer Baufirma stellen den Parkplatz fertig, und auf dem Gelände selbst geht es an den einzelnen Stationen weiter. Eine ganz und gar nicht mittelalterliche Lieferung ist am Mittwoch aber auch auf der Baustelle angekommen: Eine Neufinsinger Firma für mobile Raumsysteme lieferte und installierte neun große Container. Darin werden unter anderem die Kasse, Sozialräume für die Mitarbeiter und Toiletten untergebracht. Das Fundament war schon vorher da ”“ die Mitarbeiter des Unternehmens mussten die Container nur noch abstellen und anschließend verschrauben und abdichten. „Alles in allem brauchen wir ungefähr zweieinhalb Stunden für einen Container“, sagte Rico Prochaska (Foto). Am frühen Mittag war er gestern mit seinem Kollegen am künftigen Informationscontainer im Eingangsbereich beschäftigt. Darin können sich die Besucher der Klosterstadt demnächst unter anderem einen Film ansehen, der über das Projekt informieren und in einer Dauerschleife laufen soll.

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Norbert von Thule
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Re: Meßkirch will Mittelalter nachbauen

Beitrag von Norbert von Thule » 17.06.2013, 16:33

In der Schwäbischen am 12.06.13:
Corinna Wolber hat geschrieben:
Die Ackerbohnen wachsen schon

Bis zur Eröffnung von Campus Galli gibt es noch viel zu tun - Verantwortliche sind guter Dinge, dass alles klappt


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Die Agrarbiologin Mareike Punzel bewirtschaftet die Felder der Klosterstadt. Die Ackerbohnen bilden einen grünen Teppich. (Foto: Corinna Wolber)


Die Nervosität steigt. Auf der ganzen Klosterstadtbaustelle wird gesägt, gehämmert und gebaut. Die Zeit bis zur Eröffnung läuft rapide ab, in acht Tagen eröffnet Campus Galli. „Es wird knapp, aber wir schaffen es“, sagt Thomas Fuhrmann, fest angestellter Mitarbeiter. Er ist in diesen Tagen überall gleichzeitig, von geregelten Arbeitszeiten ist da wohl keine Spur. „Es sind einfach noch so unheimlich viele Kleinigkeiten, die wir erledigen müssen“, sagt er. Und die summieren sich zu einem großen Batzen Arbeit. Wirklich stressen lässt Thomas Fuhrmann sich davon aber nicht ”“ zumindest wirkt er, als sei er noch die Ruhe selbst.
Am Rundgang müssen noch zwei Stationen fertiggestellt werden. Eine davon ist das sogenannte Wollhaus, in dem später gesponnen, gewebt und gefärbt wird. Und auch der Unterstand für die Ochsen steht noch nicht. „Dafür suchen ein paar Mitarbeiter gerade geeignetes Holz zusammen“, sagt Fuhrmann.
Doch die Hütten allein sind nicht alles. „Vor den einzelnen Stationen sind wir gerade dabei, die Flächen zu gestalten.“ Beim Töpfer wird feiner Kies auf dem Boden verteilt, damit die Besucher möglichst nah heran gehen können, wenn dort im Museumsbetrieb Andy Ollinger an seiner mittelalterlichen Töpferscheibe die wildesten Kunststücke vollführt.
Überhaupt soll niemand durch den Schlamm waten müssen, wenn das Wetter mal nicht mitspielt. Wo das Gelände an der ein oder anderen Stelle hügelig ist, werden punktuell noch Stufen eingearbeitet, damit niemand stolpert. Und auch die groben Steine, die zurzeit noch auf dem Rundweg liegen, werden durch eine feinere Deckschicht aus Kies ersetzt. Ähnliches passiert auf dem künftigen Marktplatz von Campus Galli. Am vergangenen Montag verteilte dort ein Mitarbeiter der Firma Leiß aus Krauchenwies einen gut begehbaren Untergrund.
Im hinteren Bereich soll demnächst ein originalgetreuer Lehmofen gebaut werden, „das Untergestell müssen wir auch noch errichten“, sagt Fuhrmann. Immerhin: Der Dauerregen hat aufgehört, das erleichtert das Arbeiten auf der Baustelle.
Einer, der dem schlechten Wetter sogar noch etwas abgewinnen konnte, ist Bert M. Geurten: „Für uns war der Regen hilfreich“, sagt er. „Dadurch haben wir nämlich gemerkt, dass das Dach des Hühnerhauses undicht war.“ Der Grund: „Es war zu flach ”“ jetzt bauen wir ein neues, schrägeres.“ Ein Punkt mehr auf der Liste.
Auf den Feldern der Klosterstadt tut sich ebenfalls viel. Die Agrarbiologin Mareike Punzel hat einen 20 mal 30 Meter großen Gemüsegarten mit 18Beeten angelegt. Auf der Ackerfläche daneben wachsen Ackerbohnen. „Die waren im Mittelalter ein wichtiges Nahrungsmittel“, erzählt sie. Heute sei sie eher als Saubohne bekannt. Außerdem sollen auf dem Campus Galli unter anderem Dinkel, Hafer und Gerste aus dem Boden sprießen ”“ allerdings nicht überall, ein Teil der Fläche liegt brach. „Im neunten Jahrhundert war man zeitlich zwischen der Zwei- und der Dreifelderwirtschaft“, sagt Punzel. „Das wollen wir hier natürlich zeigen.“ Neben den großen Feldern im Randbereich der Klosterstadt hat sie mit einer Kollegin auch einen klösterlichen Heilkräutergarten angelegt, wo schon so manches Pflänzchen dem Regen trotzte und sich nicht vom Wachsen abhalten ließ.
Fleißig sind aber nicht nur die durchschnittlich rund 15 Campus-Galli-Mitarbeiter, die täglich mit ganzer Kraft im Wald auf den Eröffnungstag am 22. Juni hinarbeiten. Auch die Baufirmen sind dabei, Parkplatz, Wege und Co. fertigzustellen. Und selbst mitten in Meßkirch tut sich noch was: „Sieben oder acht Frauen stellen im Löwen unter Hochdruck weitere Kleidung her“, sagt Thomas Fuhrmann.
Er macht sich auf den Weg zurück zur Baustelle, kommt aber nicht weit. Jemand pfeift laut nach ihm und möchte irgendetwas wissen. Wieder so eine Kleinigkeit. Und Thomas Fuhrmann bleibt die Ruhe selbst.

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Norbert von Thule
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Re: Meßkirch will Mittelalter nachbauen

Beitrag von Norbert von Thule » 17.06.2013, 16:45

Im Südkurier am 15.06.13:
Gregor Moser hat geschrieben:
Klosterstadt eröffnet nächsten Samstag mit Festakt

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Diese Woche wurden die ersten Container für den Eingangsbereich von „Campus Galli“ angeliefert.

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Am nächsten Sonntag findet in Meßkirch ein verkaufsoffener Sonntag statt. Tags zuvor wird die Klosterstadtbaustelle mit einem Empfang eröffnet werden.

Am kommenden Wochenende ist es endlich soweit: Die Klosterstadt Meßkirch öffnet nach dreijähriger Vorbereitungszeit am Samstag. Für den Eröffnungs-Festakt werden rund 300 geladene Gäste erwartet.

Der nicht-öffentliche Empfang auf dem Klosterstadtgelände gehe von 11 bis 14 Uhr. Geplant seien Auftritte der Geschwister Hofmann, der Mittelalterband „Feuer und Stein“ und des Chors des Heidegger-Gymnasiums. Auch Vertreter der Kirchen seien eingeladen. Hartmut Alker, Ministerialdirigent im Ministerium für Ländlichen Raum und Verbraucherschutz, werde bei dem Empfang erwartet. Der CDU-Bundestagsabgeordnete Thomas Bareiß und der CDU-Landtagsabgeordnete Burger hätten ihr Kommen zugesagt. Ministerpräsident Winfried Kretschmann und seine Frau hätten aus Termingründen absagen müssen, sagt Bürgermeister Arne Zwick und nennt die derzeitige Bundespräsidentschaft des Ministerpräsidenten als Hinderungsgrund.”¨”¨Nach dem Empfang startet die Klosterstadt ihren regulären Betrieb. „Die Bauarbeiten sind bis dahin fertig“, kündigt Zwick an. Am Mittwoch seien die Container für den Eingangsbereich angeliefert worden und auch die Hinweisschilder an den Straßen könnten noch termingerecht aufgestellt werden. In dieser Woche wurden die Fundamente gegossen, die Straßenmeisterei wartet noch auf die Anlieferung der Schilder. „Ich hoffe, dass die Schilder rechtzeitig stehen“, sagt Bert M. Geurten, Vorsitzender des Klosterstadtvereins. „Wenn man sich Meßkirch nähert, müssen die Schilder da sein, damit man uns zügig findet.“ In der verbleibenden Woche gebe es für ihn und seine Mitarbeiter noch eine Menge Arbeit. Es würden weitere Container angeliefert. „Wir tun unser möglichstes, ich hoffe, dass es nicht mehr regnet“, stellt er fest.”¨”¨Beim verkaufsoffenen Sonntag, 23. Juni, den die Meßkircher Gewerbe- und Handelsvereinigung (GHV) ins Leben gerufen hat, wird es am Tag nach der Eröffnung von Campus Galli einen Shuttle-Betrieb ab dem Adlerplatz zur Klosterstadtbaustelle geben, kündigt Bausch weiter an. Zudem sollten Stadtführungen angeboten werden.”¨”¨Einige Meßkircher Geschäftsleute haben sich Aktionen einfallen lassen. So wird es einen Schuhputzer beim Schuhhaus Müller geben, der den Passanten seine Dienste anbieten wird. Dagmar Wilbert möchte in ihrem Friseurgeschäft gegen einen kleinen Obolus Haarkreide zum Ausprobieren anbieten und bei Schreibwaren Schönebeck soll ein Mobilfunkanbieter informieren. Klaus Reichenberger von „Naturalis“ wird sein Geschäft dagegen geschlossen lassen. „Ich werde eine Verordnung Karls des Großen ins Schaufenster hängen, dass Sonntagsverkauf nicht zulässig ist.“ Ein verlängerter Einkauf am Samstag ”“ wie zunächst geplant ”“ wäre kein Problem für ihn gewesen. „Aber sonntags schaffe ich nicht“, sagt er. Für diejenigen, die am Sonntag Campus Galli und danach die Innenstadt besuchen soll es indes gegen Vorlage der Eintrittskarte in Gastronomiebetrieben und bei Einzelhändlern eine Tasse Kaffee gratis geben, teilt die Stadt mit. Die teilnehmenden Betriebe stünden auf der Kartenrückseite.
Kommentare
Michael Glufen hat geschrieben:
Alles sehr mittelalterlich...

Ӭ...auf dem Foto. LOL!
Jutta Hoffmann hat geschrieben:
Vor der Eröffnung

ist NICHT nach der Eröffnung. Auch wenn im Artikel eine dreijährige Vorbereitungszeit erwähnt wird, bedeutet das nicht, dass vor drei Jahren schon Geld geflossen ist. In der Zeit hätte man dann sicherlich in mittelalterlicher Manier das Gelände vorbereiten können, allerdings war das in der kurzen Zeit von Januar bis zum jetzigen Zeitpunkt nicht möglich. Um die Vorbereitungen für die Baustelle innerhalb sechs Monaten mit reiner Muskelkraft ohne Maschinen zu erledigen, hätte man wohl Sklaven gebraucht, und der Sklavenhandel ist ja nun glücklicherweise seit einiger Zeit abgeschafft, da sind wir uns sicherlich alle einig.
Am besten nach der Eröffnung selbst mal auf der Baustelle vorbeischauen und sich vergewissern, wie mittelalterlich das Ganze nun geworden ist...

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Norbert von Thule
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Re: Meßkirch will Mittelalter nachbauen

Beitrag von Norbert von Thule » 18.06.2013, 16:50

Heute in der Schwäbischen Zeitung:
Baubeginn für Jahrhundertprojekt Klosterstadt in Meßkirch

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Modell der Klosterstadt (Foto: dpa)

Nach jahrelangen Vorbereitungen sollen in Meßkirch (Kreis Sigmaringen) am kommenden Wochenende die Arbeiten auf einer mittelalterlichen Klosterbaustelle beginnen. Nur mit Handarbeit und Muskelkraft will ein Verein dort eine ganze Stadt mit einer Klosterkirche für 2000 Menschen bauen. Alles soll genau so sein wie im Mittelalter. Deshalb sind die Arbeiten auch ein wahres Jahrhundertprojekt, denn fertig wird die Klosterstadt wohl frühestens in 40 Jahren. Die mittelalterliche Baustelle soll eines der größten Tourismus-Projekte in der Region Bodensee-Oberschwaben werden.

Die Behörden standen im Genehmigungsverfahren für die Klosterstadt immer wieder vor Problemen. Denn der Plan für das Bauprojekt stammt aus dem 9. Jahrhundert und musste zunächst mit den aktuellen Bauvorschriften in Einklang gebracht werden.
Ein Gutachten der Dualen Hochschule Ravensburg geht davon aus, dass mindestens 180 000 Besucher im Jahr die Baustelle anschauen werden. Sobald jährlich 125 000 Touristen kommen, könnten die Bauarbeiten nach Angaben des Vereins allein aus den Eintrittsgeldern finanziert werden. Bis dahin leisten Stadt, Land und Europäische Union eine Anschubfinanzierung von gut 700 000 Euro.
Fotoreportage

Auf der Meßkircher Klosterstadtbaustelle tut sich was

Der Parkplatz wird planiert, der Wall steht, und einige Hütten sind ebenfalls fertig: Langsam, aber sicher macht sich der nahende Eröffnungstermin von Campus Galli am 22. Juni sichtlich bemerkbar. Die SZ war mit Initiator Bert M. Geurten im Wald bei Meßkirch-Langenhart unterwegs.

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Norbert von Thule
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Re: Meßkirch will Mittelalter nachbauen

Beitrag von Norbert von Thule » 22.06.2013, 16:00

Vorgestern in der Schwäbischen:
Corinna Wolber hat geschrieben:
Campus Galli: Betreten der Baustelle erwünscht

In Meßkirch wird mit Muskelkraft ein mittelalterliches Kloster gebaut - Am Samstag öffnet Campus Galli seine Tore für Besucher

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Bert M. Geurten, Initiator der Klosterstadt, steht hinter einem Modell der mittelalterlichen Klosteranlage. (Foto: dpa/Marc Herwig)

Mitten im Wald zimmern Männer und Frauen seltsame Hütten und Verschläge zusammen. Das Holz sammeln sie selbst, auf die Dächer kommen Moos oder Zweige. Manches Häuschen bewerfen sie von außen mit Lehm, um es vor Wind und Wetter zu schützen. An der nahe gelegenen Landstraße geht es moderner zu. Dort planieren Bauarbeiter die letzten Quadratmeter eines großen Parkplatzes. Eine Biologin pflanzt in der Nähe auf einem Acker mittelalterliche Feldpflanzen an und kann von dort aus demnächst zwei Ochsen beim Grasen zusehen.

Was viele noch vor ein paar Jahren für einen müden Aprilscherz gehalten haben, wird am Samstag Realität: Dann öffnet in Meßkirch (Kreis Sigmaringen) eine groß angelegte Dauerbaustelle für Besucher. In den nächsten 40 Jahren soll dort eine karolingische Klosterstadt entstehen. Ohne Maschinen und nur unter dem Einsatz mittelalterlicher Baumethoden und Materialien erschaffen rund 25 festangestellte und zahlreiche ehrenamtliche Mitarbeiter dort den sogenannten Campus Galli.
Er basiert auf dem Klosterplan von St. Gallen, der zwischen 819 und 826 auf der Insel Reichenau entstanden ist und nie verwirklicht wurde. Ein Modell des Klosters hat der Aachener Journalist Bert M. Geurten als junger Mann in einer Ausstellung gesehen ”“ und so richtig losgelassen hat ihn der Gedanke, den 1200 Jahre alten Entwurf in die Tat umzusetzen, nie so richtig.

Der Weg ist das Ziel

Jetzt hat er es geschafft: Campus Galli wird gebaut. Dass er selbst als Initiator die Fertigstellung wohl nicht mehr erleben wird, stört ihn nicht: „Der Weg ist das Ziel“, sagt Geurten. So geht es denn auch bei der Klosterstadt weniger ums architektonische Gesamtergebnis als um die Baustelle, die sich Jahr für Jahr unter den Augen der Besucher verändern wird ”“ betreten der Baustelle erwünscht.
Bis Geurten ein geeignetes Gelände gefunden hatte, musste er allerdings einen langen Marsch durch die Institutionen antreten. Zahlreiche Bürgermeister aus allen Ecken Deutschlands winkten ab, als er ihnen von seinem Vorhaben erzählte. Immer wieder und wieder wies man ihm freundlich, aber bestimmt den Weg zur Tür. „Himmelfahrtskommando“, „nicht finanzierbar“, „nicht vermittelbar“ ”“ mit Abfuhren kennt Geurten sich aus. Doch einer winkte nicht ab: der Meßkircher Bürgermeister Arne Zwick. Auch er war zwar zunächst skeptisch. Doch dann sah er schnell eine Chance darin, eine mögliche Touristenattraktion in die Region zu holen. Das 8500-Einwohner-Städtchen Meßkirch liegt in einer touristisch eher strukturschwachen Gegend und profitiert kaum von den Menschenmassen, die an den rund 40 Kilometer entfernten Bodensee kommen. Zwar kann die Gemeinde mit dem einzigen Renaissance-Schloss nördlich der Alpen und ein paar Berühmtheiten aufwarten ”“ doch mit seinem Martin-Heidegger-Museum lockt die Stadt nicht gerade Tausende an.
Das Potenzial, das die Klosterstadt für Hotel- und Gastronomiebetriebe, aber auch für Einzelhändler in der Region birgt, hat neben dem Bürgermeister letztlich auch den Meßkircher Gemeinderat überzeugt. Er gab im September 2011 grünes Licht für den Bau der Klosterstadt. Ausschlaggebend war damals wohl nicht zuletzt der Besuch eines Referenz-Projekts im französischen GuÁ©delon: Dort wird seit 14 Jahren eine mittelalterliche Burg gebaut. „Die Leute lieben es, anderen bei der Arbeit über die Schulter zu schauen“, sagt Geurten. „Und wenn sie in einem oder zwei Jahren wiederkommen, hat sich alles total verändert ”“ besser geht’s nicht.“ Der Plan GuÁ©delon ist aufgegangen: Mehr als 300.000 Besucher strömen jährlich aufs Gelände, das in Frankreich mittlerweile Ziel Nummer eins für Schulausflüge ist. „Wenn wir täglich nur drei Reisebusse voller Menschen auf die Baustelle holen, rechnet es sich schon“, sagt Geurten.

Spenden und Zuschüsse sind nötig

Auf eigenen Füßen steht die Klosterstadt am Anfang aber ganz und gar nicht. Das Projekt finanziert sich zu einem großen Teil aus Spenden, Zuschüsse kommen von Stadt, Land, Bund und EU ”“ sie sollen dem Projekt in den ersten Jahren seinen Bestand sichern und wurden vor allem für die Schaffung der Infrastruktur genutzt. „Ich kalkuliere für die erste Saison mit 250 Besuchern täglich“, sagt Geurten. Würde das gelingen, könne die Klosterstadt bereits Ende dieses Jahres „eine schwarze Null schreiben“. Die Ausgaben will er im Rahmen halten ”“ so verdienen etwa seine Mitarbeiter in der Anfangsphase nicht mehr als 1200 Euro netto.
„Wir müssen das Geld eben erst mal verdienen, bevor wir es ausgeben können“, sagt Geurten. Doch obwohl es quasi keinen finanziellen Anreiz gibt, für das Großprojekt zu arbeiten, rennen ihm die Bewerber die Türen ein. „Offensichtlich sind viele Handwerker froh, auch mal ganz ursprünglich arbeiten zu können“, sagt Geurten.
Einen Vorgeschmack bieten schon jetzt die Hütten und Unterstände. Auf der Baustelle ist in den vergangenen Wochen ein Rundweg für die Besucher entstanden, der sie an 20 Stationen vorbeiführt. Dort können sie Schreinern, Steinmetzen, Seilern oder Töpfern bei der Arbeit zusehen. Was sie herstellen, wird meist für die Baustelle benötigt: So muss der Schindelmacher Zehntausende Schindeln anfertigen, die später für die Dächer der verschiedenen Gebäude gebraucht werden. Höhe- und Mittelpunkt der Klosterstadt wird irgendwann eine riesige Kirche mit Platz für 2000 Menschen sein.
Ein Wirtschaftsbeirat aus Bankern, Unternehmern und Vertretern der Stadt wacht darüber, dass der gemeinnützige Verein Karolingische Klosterstadt, dessen Vorsitzender Geurten ist, das Geld sinnvoll und zweckgebunden ausgibt. Zugleich achtet ein wissenschaftlicher Beirat darauf, dass es auf der Baustelle mittelalterlich zugeht. Ein paar Mitgliedern wurde der selbst auferlegte Mittelalter-Anspruch indes zu häufig übergangen. Andreas Sturm, langjähriger Mitarbeiter von Bert M. Geurten, ist Experte für Living History, also das Nachstellen historischer Lebenswelten mithilfe von handelnden Personen, originalgetreuer Kleidung und Ausrüstung. Sturm ”“ aufgrund seiner Kenntnisse der genannte Mittelalter-Tüv der Klosterstadt ”“ ist vor Kurzem aus dem wissenschaftlichen Beirat ausgestiegen.

So viel Mittelalter wie möglich

In entsprechenden Foren im Internet wird schon länger heftig diskutiert ”“ darüber, dass der Parkplatz mit Baggern geschaffen wird, die Achse des Ochsenkarrens aus Eisen statt aus Holz gefertigt wurde und dass die tönernen Trinkbecher für Besucher einen Eichstrich haben. Sogar die Tatsache, dass die Handwerker unter ihren mittelalterlichen Gewändern Schutzkleidung tragen, geht manchen zu weit.
Bert M. Geurten vertritt diesbezüglich eine klare Linie, über die er nicht mehr diskutiert: „Wir machen hier so viel Mittelalter wie möglich, aber eben auch so viel 21. Jahrhundert wie nötig“, sagt er. Er werde kein einziges Gesetz des Jahres 2013 brechen, „denn am Ende muss ich meinen Kopf dafür hinhalten, wenn was passiert“. Vertretern der Living-History-Szene hat er den Rücken gekehrt und blickt stattdessen nach vorne ”“ schließlich geht am Samstag für ihn ein jahrzehntelanger Traum in Erfüllung.


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