Die Pilgerin 05./06.01.14 ZDF

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Norbert von Thule
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Die Pilgerin 05./06.01.14 ZDF

Beitrag von Norbert von Thule » 02.01.2014, 17:07

Die Pilgerin im ZDF am 05.01.14 und am 06.01.14, jeweils um 20.15 - 21.45 Uhr
Arno Frank hat geschrieben:
ZDF-Zweiteiler "Die Pilgerin": Mittelalter trifft Mittelerde

Männer sind Schufte oder Trottel, Frauen sind Huren, Hexen oder Heilige und im Herzen natürlich total emanzipiert. Der ZDF-Historienschinken "Die Pilgerin" bietet moderne Sinnsuche im stilvoll kaputten Kuttenlook - als hätte Hape Kerkeling den "Hobbit" mit der "Wanderhure" verrührt.
"Die Leute lieben einfache Geschichten, in denen ganz klar ist, wer der Gute ist und wer der Böse", erklärt irgendwann der Schuft der weisen Hexe, bevor er ihr die Hütte anzündet. Die Leute vor den Fernsehern werden dennoch bis zum Ende hoffen, dass der eine oder andere Bösewicht doch noch das Gute in sich entdeckt, irgendeine Wandlung mitmacht. Vergeblich. Im ZDF-Historienzweiteiler "Die Pilgerin" erscheint das manichäische Weltbild des Mittelalters noch so fugenlos und fest gefügt, wie die Leute es schon immer liebten.
Entsprechend geradlinig wird auch die Geschichte wegerzählt. Darin die wackere Kaufmannstochter Tilla die Pläne ihres intriganten Bruders und derben Ehemanns durchkreuzt, indem sie sich mit dem Herz ihres verstorbenen Vaters auf den Jakobsweg macht: "Ich werde Vaters Herz begraben, in geweihter Erde." Und eben nicht in Tremmlingen, einer fiktiven Freien Reichsstadt im Schwäbischen, die eher an Mittelerde als an das Mittelalter erinnert. Man ist schon dankbar, dass da kein Drache um die Zinnen kreist.
Zwischen Tremmlingen und dem fernen Santiago de Compostela allerdings liegt ungemein viel europäische Landschaft, deren Gebirge, Wälder und Ebenen sehr stimmungsvoll in Szene gesetzt sind - auch wenn es niemals regnen will. Tilla schneidet sich die Haare ab und geht fürderhin mühelos als Mann durch. So schließt sie sich einer Pilgergruppe an und schleppt das Kreuz querfeldein durch Bäche und Sümpfe, als hätte es damals noch keine Wege gegeben.

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Gesprochen wird von Schwaben bis Spanien übrigens eine rätselhafte "lingua franca" namens Hochdeutsch, was die Reise bedeutend erleichtert. Es gibt dampfendes Gedärm, schlechte Zähne, Fliegen auf Fischabfällen, weiße Brüste und schmutzige Gesichter zu sehen. Dafür brennen in jedem Raum so überirdisch viele Kerzen, dass man sich immer fragt, wer die wohl wieder alle angezündet hat.

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Was es heißt, eine Frau zu sein - 2014 wie 1368

Dabei befinden wir uns, wie könnte es anders sein, in einer Männerwelt. Männer sind entweder Schufte oder Trottel. Frauen sind entweder Huren, Hexen oder Heilige, dabei aber stets ganz modern um Ausbruch aus gesellschaftlichen Konventionen bemüht. "Einen eigenen Willen zu haben ist wie ein Fluch", sagt die entführte Prinzessin einmal der verkleideten Tilla: "Aber was weißt du schon, was es heißt, eine Frau zu sein?" Und Tilla weint, weil sie eben doch weiß, was auch alle Zuschauerinnen zu wissen glauben: was es nämlich heißt, eine Frau zu sein, 2014 wie 1368.
Darüber mag man sich ebenso mokieren wie über Nachlässigkeiten bei der Ausstattung. Gab es damals schon solche Helme? Sind "Hexen" nicht vor allem ein Phänomen der Frühen Neuzeit? Und haben Kreuzritter im späten 14. Jahrhundert nicht ungefähr so viel zu suchen wie Zeppeline in einer modernen Luftwaffe?
An mangelnder Akkuratesse im Detail aber sollten sich nur miesepetrige Mediävisten oder fanatische Rollenspieler stören. Natürlich malt auch "Die Pilgerin" an einem "idealisierten" Bild des Mittelalters. Ja, was denn sonst? Zeichnet denn der "Tatort" ein "realistisches" Bild unserer Gesellschaft? ...

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Norbert von Thule
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Re: Die Pilgerin 05./06.01.14 ZDF

Beitrag von Norbert von Thule » 07.01.2014, 18:08

Nachrichten: Kultur
Das ZDF kann den Auftritt von Josefine Preuß in dem Zweiteiler „Die Pilgerin“ durchaus als gelungen verbuchen. 5,98 Millionen Zuschauer (Marktanteil: 16,8 Prozent) schalteten den zweiten Teil des Mittelalter-Dramas nach einer Buchvorlage von Iny Lorentz am Montagabend ab 20.15 Uhr ein. Das waren zwar ein paar weniger als beim ersten Teil am Sonntag (6,39 Millionen), es reichte aber zum Sieg am Abend. (Quelle: SZ)

Montrose
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Re: Die Pilgerin 05./06.01.14 ZDF

Beitrag von Montrose » 07.01.2014, 23:15

Tilla schneidet sich die Haare ab und geht fürderhin mühelos als Mann durch.
Wenn Männer sich die Haare abschneiden, gehen sie fürderhin mühelos als Riesenbabies durch.
Es gibt dampfendes Gedärm
Das ist eine schwäbische Spezialität und nennt sich Kuddeln in Trollingersößle. Ihr NRWler eßt das Zeug übrigens auch, nur wird es bei euch in der Wurst versteckt.

Was das Fernsehen bietet, ist nur der Zeitgeist der letzten 80 Jahre. Man erfreut sich halt in Deutschland an sinnfreien Bildern, seien es Fackelläufe in Einheitsuniform oder die Rettung des Amazonas durch Biosprit. Die Deutschen sind selbstverliebt in die eigene Betroffenheit.
Ich werde Vaters Herz begraben
Paragraph 168 Strafgesetzbuch, Störung der Totenruhe.
Jakobsweg
Die Beine zu bewegen ist kein Ersatz für die Bewegung des Geistes.
Und Tilla weint, weil sie eben doch weiß, was auch alle Zuschauerinnen zu wissen glauben: was es nämlich heißt, eine Frau zu sein, 2014 wie 1368.
Stichwort Unterdrückung. Im Mittelater verbot die katholische Kirche Frauen, ihre Sexualität zu zeigen und auszuleben. Heute verbietet es Alice Schwarzer.

Solche Filme haben ihren historischen Wert als Sicherungskopie: falls unsere offiziellen Dokumente und Bücher verloren gehen sollten, können spätere Archäologen und Geschichtswissenschaftler den heutigen Wahnsinn wenigstens anhand dieser Spielfilme rekonstruieren. Die Gegenwartskultur ist eine Scheißkultur.

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