Eckball

Was geht außerhalb vom Mittelalter?

Re: Eckball

Beitragvon Montrose » 11.02.2018, 16:32

In Stuttgarts U-Bahnen prangt die Werbung von Otto Kern - dem einzig Vernünftigen, was Stolberg in letzter Zeit hervorbrachte. Otto Kern stellt Parfüm her. Sollte es mir mal langweilig sein, werde ich mit der Firma ein Parfüm für Ritter kreieren. Meines Erachtens riechen Ritter wie das Gewürz auf einer Pizza.

Kultur-Injektion in Stuttgart. Dem Kinderfasching in Canstatt hätte nichts besseres passieren können als was passierte: die Technik fiel komplett aus. Das hatten sich die Veranstalter ja fein ausgedacht: Musik vom Tonband laufen und die Kinder rumhoppsen lassen. So kriegt man die Zeit auch rum. Aber als die Veranstalter auch noch so taten, als ob die Feier in den Medien veröffentlicht würde, und Sprüche wie "Maz ab" fielen, um nun wirklich als Profis zu gelten, da wurde es dem Karnevalsgott zu viel. Er jagte seinen Zorn durch die Leitungen. Supi. Ich mit meinem Wein und den vielen lecker anzuschauenden MILFs herum, hatte jetzt auch noch Grund zu ein bisschen Schadenfreude. Denn die Macherinnen auf der Bühne mussten von nun an selbst singen. Die Kinder haben den Technik-Ausfall gar nicht gemerkt, die Veranstaltung war gelungen. Zweimal Tanzmariechen und dann einmal echte Musik, mit Pauke, Flöte, Xylophon. Vergleicht man diese wuchtige Marschmusik mit dem Gedudel des Mittelalters, kommt einem letzteres wie ein verkniffener Furz vor.

Seit gestern Abend bin ich depri. Der Kinofilm "Wind River" ist landschaftlich schön, winterlich, aber auch traurig. Ich fand den Film gut, aber das ist natürlich Geschmackssache.

Freitag stand Richard III. von Shakespeare auf dem Programm. Wie bereits bei einem Blues-Konzert schimpften einige und verließen die Veranstaltung. Das sind übrigens immer die gleichen Typen. Irgendwelche alten Männer mit Hauptschulabschluß, die sich zwar noch in einen Anzug hineinzwängen konnten, ansonsten vom Geschehen intellektuell völlig überfordert sind. Die Doofen gehören einfach nicht in ein Theater oder in ein anspruchsvolleres Konzert. Vor 50 Jahren war das noch klar, Trennung der sozialen Schichten: Abiturienten in die Oper, der Rest zu irgendeiner Schlagerscheiße. Aber heute vermischt sich das. Ich glaube, die Jüngeren, da sie mit ihren Fantasie-Romanen doch mit Dramatik vertraut sind, könnten ein Theaterstück genießen .... wenn sie denn nur wüßten, daß es Theater gibt.

Wie dem auch sei, das Stück war eindrücklich. Eine saubere Überführung vom Jetzt in die Zeit von Richard. Eine fantastische Endzeitkulisse im Stil von Mad Max. Max Tidof als agiler Schurke. Nunja, die Kritik in der Stuttgarter Zeitung fällt eher negativ aus, was ich nicht verstehe. Wie gesagt, manchmal glaube ich, Theaterkritiker erfinden ihre Beurteilungen von zu Hause in der Badewanne plantschend. Die angeblich so trögen Mitspieler fand ich schön arrogant. Die angeblich fehlende "Psychologie" der Charaktere hab ich sehr wohl gesehen, wie auch die Botschaft des Stückes.  

Stuttgart hat sehr viele  Theaterbühnen. Auf Anhieb fielen mir bestimmt 10 ein, in den meisten war ich schon. Manchmal sind das Kleinstbühnen mit Laien, wie das Dreigroschentheater. Und alle sind sie ausverkauft. Denn der Schwabe hat ja bekanntlich Geld wie Heu und weiß oft nicht, wofür er es ausgeben soll.  :D

Meine trübe Stimmung kommt wohl auch daher, daß ich kein Musikkonzert fand (ich meine ernste Musik, nicht dieses Karnevalshumbahumba), obwohl ich darauf echt Lust hatte. Noch heute Morgen bin ich an Kirchen und Museen herumgeirrt ... keine schönen Töne. Wenigstens für März hab ich ein Konzert schon gebucht.
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Re: Eckball

Beitragvon Montrose » 12.02.2018, 17:00

Apropos verkniffener Furz. Wenn ich weiterübe, kann ich selbst zwei "mittelalterliche" Lieder spielen.  8)
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Re: Eckball

Beitragvon Montrose » 13.02.2018, 11:29

Ich hab mir die Kritik zu Richard III. in den Stuttgarter Nachrichten nochmals durchgelesen. Wenn man wie ich selten ins Theater geht, kommt einem zunächst alles gelungen vor. Aber eine gewisse Trögheit verspürte auch ich teilweise in dem Stück. Der Kritiker hat also recht.  Dass die Frau im Korsett die Königin war, hab ich tatsächlich nicht kapiert, denn sie wurde vom Hauptdarsteller einfach an die Wand gespielt. Ein bißchen erinnerte sie mich an die Veranstalterin eines Abi-Balls, deren Namen man doch bald wieder vergißt. Die langen Textpassagen wurden runtergerattert. Da fielen dann ständig irgendwelche englischen Adelsnamen, welche Zeitgenossen des Stücks mit einem Aaah und Oooh belohnt hätten - heute aber in einem deutschen Theaterhaus nichts mehr bedeuten. Vielleicht hätten kleine Pausen innerhalb der langen Sprechrollen dazu beigetragen, der Sache besser zu folgen. Vielleicht hatte der "Hauptschüler im Anzug" mit seiner Verärgerung sogar recht, wenn einem "Bildung" derart doch etwas lieblos hingeschissen wird. Den Eindruck des Kritikers, dass kein emotionales Band aufkam - weder zwischen den Darstellern noch zum Publikum - teile ich. Erst im Nachhinein erkenne ich dies als Mängel. Im Stück glaubte ich, dadurch solle Distanz zum Adel und somit seine Überhöhung realisiert werden. Es war dann tatsächlich eher wie eine History-Doku auf ZDF. Aber was wäre die Alternative gewesen?

Bereits das Drehbuch ist nicht über jede Kritik erhaben. Zwar gilt Richard III. als das beste Königsdrama eine gewissen Wilhelm Schüttelspeer, William Shakespeare. Aber es ist ein recht plumpes Gut-Böse-Schema, das hohe Politik genauso wenig erklärt wie Dallas oder Games of Thrones. Klar, die da oben sind nur durch Bosheit nach oben gekommen und das gaffende Zuschauervolk hat als Trostpreis die bessere Moral. So sind sie gestrickt, die Frauenzeitschriften und Skandälchen der Promi-Presse.  

Laut Wikipedia gilt es unter Historikern als unbewiesen, dass der echte Richard III. alle die ihm im Theaterstück unterstellten Verbrechen tatsächlich begangen hat. Shakespeare übernahm recht unkritisch den Tratsch und machte sich damit eher zum Teil des Mobs als dass er als Aufklärer gewirkt hätte.

Mancher fragt sich wohl, warum ich mitten am Tage mich mit etwas so Unnützen wie Kultur beschäftige. Die Antwort ist einfach. Das, was ihr gerade arbeitet, ist völlig sinnlos. Entweder ihr macht eine Arbeit, die ein Roboter tausendmal besser verrichtet als ihr. Oder aber es ist irgendein Verwaltungsscheiß, wo viele Buchstaben nichts bewirken außer Streß, Streß, Streß. Erst die Kultur macht Menschen zum Teil von etwas Höherem.
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Re: Eckball

Beitragvon Montrose » 17.02.2018, 13:13

Die deutsche Bundeswehr hat derzeit Personalprobleme. Um die militärischen Soll-Vorgaben dennoch zu erfüllen, erbat die bundesdeutsche Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen jüngst Amtshilfe beim Vatikan. Mit Erfolg https://www.youtube.com/watch?v=UwIGyEJiDSU

Ich hatte letztes Jahr versprochen, hier ein military tutorial anzubieten. Ich hab das Projekt bereits begonnen. Mein Paket ist angekommen. Allerdings bedarf es noch einer gewissen Zeit, um das Material sonderpädagogisch aufzubereiten. Ihr sollt ja nicht nur lesen, sondern auch was lernen dabei. Ich hoffe, dass das Video euch schon ein bißchen heiss auf das Thema macht.  :oops:
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