Eckball

Was geht außerhalb vom Mittelalter?
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Montrose
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Re: Eckball

Beitrag von Montrose » 11.10.2019, 17:59

Natürlich habe ich mich gefragt, was nach Prokofiev kam. Aber mit einem Schostakowitsch - ausgenommen seines Zweiten Walzers - werde ich nicht warm. Ein dickes Buch für wenig Geld, was lange beschäftigt: ich habe eine über vierhundertseitige Schostakowitsch-Biographie gekauft. Vielleicht war, wenn schon nicht seine Musik, so wenigstens der Typ cool. Überhaupt fische ich derzeit in der Kulturszene und bekomme von Künstlern sogar mails. Nachdem meine Beschwerdebriefe ans Fernsehen und an ein Ministerium nur mit Standardbriefen beantwortet wurden, zeigen sich Künstler bei der Beantwortung von Anfragen umso ergiebiger. Nur wie früher das Groupie eines einzelnen Ritters zu sein belastet diesen womöglich zu sehr, weshalb ich meine Unterwäsche nunmehr auf mehrere Bühnen werfe (im übertragenen Sinne natürlich und nicht wirklich). Und vielleicht fällt, wenn sich hierdurch meine Weisheit mehrt, auch für euch wieder manch kluge Idee ab. Zum Beispiel übe ich seit Tagen, den Namen Schostakowitsch richtig auszusprechen, damit ich ihn beim Party-Talk beiläufig-gekonnt erwähnen kann, was meine Gesprächspartner zweifelsohne neidisch auf meine Bildung macht. Schostakowitsch, Scho Sta Kowitsch, Scho Sta Kowitsch, Schostakowitsch.

Ich will selbst ein Künstler sein.

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Norbert von Thule
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Re: Eckball

Beitrag von Norbert von Thule » 11.10.2019, 20:59

Hallo Montrose, ich bin ein "Künstler", gewesen. Ich will kein "Künstler" mehr sein. Aber du willst kein Künstler sein, sondern ein Intellektueller. Um andere zu beindrucken? Wozu? Niemand will beeindruckt werden.
Jeder will beeindrucken. Dein Tanz der Ritter war ein Lieblingsstück, seit ich Caligula gesehen habe. Ach Scheiße, lass uns nochmal zusammen trinken!

Montrose
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Re: Eckball

Beitrag von Montrose » 11.10.2019, 23:12

Hallo Norbert, ich erheitere mich an meinen eigenen Scherzen. Beim letzten Umtrunk hattest Du meinen Lieblingswhiskey aufgetischt. Ich habe mich nie dafür bedankt. Entgangen ist es mir aber nicht. Sicherlich wird es wieder ein Treffen geben. :D


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Intellektuell? Hm. Ein kleiner Nachtrag. Warum denkt einer? Weil es Spaß macht und bisweilen etwas bringt? Oder weil er es kann und das dann ausübt so wie der Bergsteiger, der eben auch auf Berge steigt, weil er es kann? Kreatives Denken ist selten geworden, es wird nicht mehr gepflegt. Es gibt heute keine Philosophie-Stars wie zum Beispiel damals ein Georg Wilhelm Friedrich Hegel. Und die politischen Empörungswellen der Moderne kommen ganz ohne Verstand aus.
Warum interessieren mich seit einiger Zeit Künstler? Ich war in der Wissenschaft tätig und muss sagen, die Wissenschaft macht Menschen mundtot. Wissenschaft ist wie Hirnamputation. In der Zeit, in der man Daten sammelt, auswertet und dann die ganzen Literaturzitate zusammensucht, schreibt ein anderer einen Roman, ein Theaterstück, ein tolles Lied, malt ein vielsagendes Bild oder dreht einen Film. In einer wissenschaftliche Studie kann man nach drei Jahren Forschung sagen, dass Tomaten rot sind. Was bedeutet das? Ein Künstler kann in kürzerer Zeit sehr viel mehr, sehr viel komplexere Informationen vermitteln.
Und warum schreibt einer in einem Forum? Ganz einfach, weil es da keinen Verleger, keinen Lektor, überhaupt nichts gibt, was einen am Labern stört. Du hast keine Ahnung, wie schwierig es ist, sich auf konventionellem Weg hörbar zu machen. Das Internet ist ein Segen! Natürlich ist es cool, wenn man sieht, dass jemand das liest.

Was haben Hape Kerkeling (Komiker), Peter Handke (Literatur-Nobelpreisträger), Schostakowitsch (Komponist oft satirischer Stücke) und Joker (Kino-Bösewicht) gemeinsam?
Zumindest Hape Kerkeling und Peter Handke erlebten in ihrer Biographie etwas sehr ähnliches. Wenn man es weiter fasst, passen vielleicht aber auch Schostakowitsch und Joker dazu.

Zur Aufführung von Schostakowitschs Die Nase an der Oper Zürich im Jahre 2011 findet sich eine Ansammlung von Interviews.

https://www.youtube.com/watch?v=pWZXFlAmIQI (in Browser-Adresszeile kopieren)
Ich finde es interessant, wie Ingo Metzmacher, der musikalische Leiter, ab 5:45 das Stück beschreibt.

Montrose
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Re: Eckball

Beitrag von Montrose » 16.10.2019, 21:18

Die Psychologisierung von Berühmtheiten ist eine heikle Sache. Die Lebensgeschichte kann vielleicht die Perspektive erklären oder sie kann Mut machen, dass Menschen mit Fehlern dennoch Großes leisten können. Aber ein "Ätschbätsch, der hatne Meise, hähähä, Genie un Waaansinn höhöhö, guck ma was der alles ned kann." ... das gehört zur Sparte Klogespräche im Mädchen-Internat. Dem Peter Handke wird allerhand Zeug vorgeworfen ... das ändert nichts daran, dass er den Nobelpreis gewonnen hat. Ebenso wie die Jellinek ("Die Klavierspielerin").

Schriftsteller. Der link verweist auf den amerikanischen Krimi "message deleted", der im Schriftsteller-Milieu spielt. Der Film ist nicht besonders herausragend. Aber die Dialoge sind witzig. Das Motiv Geschichte-in-der-Geschichte hinsichtlich der Handlung erfährt stellenweise ein bildhaftes Echo (Der Protagonist in der Computercam; in der gleichen Szene die Frau vor dem Spiegel). Ein Übungsstück für ein Lehrbuch über Erzähltechniken.

https://www.youtube.com/watch?v=lCBbxGdhrxg

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