Klosterplan St. Satzvey

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Norbert von Thule
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Klosterplan St. Satzvey

Beitrag von Norbert von Thule » 10.12.2014, 10:27

Gestern in der Kölner Rundschau:
Klaus Pesch hat geschrieben:
Historisches Projekt

Beratungen über Mittelalter-Dorf am Dienstag

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Ein mittelalterliches Dorf ähnlich diesem in Steinrode im Landkreis Göttingen könnte an der Burg Satzvey entstehen. (Foto: Nemitz)

Der Verein möchte in Satzvey mit Wissenschaftlern einen historisch korrekten Ort aufbauen. Dafür muss allerdings der Bebauungsplan geändert werden, weshalb heute im Mechernicher Stadtentwicklungsausschuss über das Projekt beraten wird.

„Wir wollen so authentisch wie möglich bauen und später unser Wissen an Schulklassen und Kindergärten vermitteln“, sagt Kräuterhexe Jutta Schmidt. Sie und ihr Verein „Weiler an der Vey“, der sich die Förderung und Darstellung mittelalterlichen Kulturgutes auf seine Fahnen geschrieben hat, planen den Bau eines möglichst originalgetreuen mittelalterlichen Dorfes auf einer Wiese nahe der Burg Satzvey. Dafür muss allerdings der Bebauungsplan geändert werden, weshalb heute im Mechernicher Stadtentwicklungsausschuss über das Projekt beraten wird.
Mittelalterliche Dörfer gibt es bereits einige in Deutschland, wie beispielsweise das Mittelalterdorf Steinrode bei Hannoversch Münden im Landkreis Göttingen, das vom 1. März samstags seine Tore für Besucher öffnet.

Vorbild ist der „St. Gallener Plan“

In Satzvey möchte der seit 2008* existierende Verein, der inklusive Kinder 36 Mitglieder und ein Teil des Geländes vom Grafen Beissel gepachtet hat, ein solches Dorf in Anlehnung an den sogenannten „St. Gallener Plan“ errichten.
Dabei handelt es sich um den einzig noch existierenden Plan eines mittelalterlichen Ortes. Das Gelände ist laut Jutta Schmidt allerdings zu klein, um diesen Plan komplett zu realisieren. Der Verein plant historische Themenhütten, die insgesamt eine Fläche von 2640 Quadratmetern ausfüllen sollen. Sechs Hütten von jeweils 16 Quadratmetern sollen eine Schmiede, eine Weberei, Färberei und Schneiderei, eine Mönchskammer, eine Kräuterapotheke, ein Bauernhaus und eine Wachhütte zeigen. Außerdem will man ein Backhaus, eine 64 Quadratmeter große Taverne und eine 84 Quadratmeter große Kirche errichten. Möglichst wenige der vorhandenen Gehölze sollen angetastet werden.
Die Hütten plant man in der typischen Bauweise des Mittelalters: Die Fachwerkkonstruktionen mit Gefachen, die mit Stroh und Lehm ausgefüllt werden, sollen auf einen Steinsockel aufgesetzt werden. Der bestehende Lagerplatz mit der Feuerstelle bleibt erhalten.
„Grundsätzlich wollen wir als Erstes mit dem Bau der Kirche anfangen, wie das auch im Mittelalter so war“, sagt Jutta Schmidt. Einige der Mitglieder des Vereins hätten sich in dieser Hinsicht sehr sachkundig gemacht. Über die Kosten des Projektes könne man derzeit noch sehr wenig sagen, dies sei von verschiedenen Faktoren abhängig. So zum Beispiel auch davon, ob man die Kirche in der Größe, wie sie eingeplant wurde, bauen dürfe. Hinsichtlich der Kostenübernahme hofft man auf Hilfe durch Sponsoren. Aber natürlich wird auch der Verein einiges zu tragen haben, der das Vorhaben in ehrenamtlicher Arbeit realisieren will.
Anlegen will man auch einen Garten nach der Landgüterverordnung „Capitulare de villis“ von Karl dem Großen. Dort werden sich dann Heil- und Küchenkräuter wie Rosmarin, Salbei oder Majoran finden. Aber auch Pflanzen, die sich heutzutage recht rar machen. „Wir wollen auch mit der RWTH in Aachen wegen dieses Gartens in Kontakt treten“, kündigte Jutta Schmidt an. Von dort könne man auch alte Pflanzensamen wie zum Beispiel „Ewiger Kohl“ oder den „Guten Heinrich“ bekommen. Gerne würde man das Projekt in Zusammenarbeit mit Archäologen oder Denkmalpflegern realisieren.
Der Verein ist bereits seit mehreren Jahren auf der Wiese aktiv und führt dort mittelalterliche Zeltlager durch, wenn auf der Burg Veranstaltungen stattfinden. Und seit sechs Jahren gibt es ein Schülerprojekt, bei dem Schüler gemeinsam mit den Mittelalter-Fans für drei Tage zelten. „Ich mache mit den Schülern eine Kräuterwanderung, und die Jungs erfahren, wie man mit Schlageisen und Feuerstein Feuer gemacht hat“, informiert Jutta Schmidt. Bei dieser Gelegenheit kann man sich im Bogenschießen üben, und es werden mittelalterliche Gerichte zubereitet.
Nun hofft der Verein darauf, dass sein Konzept von der Stadt Mechernich genehmigt wird. Die Aktiven haben sich einiges vorgenommen. Wenn dieses wie geplant realisiert werden kann, hat Satzvey eine Attraktion mehr. Diese könnte dann unter anderem während der Veranstaltungen auf der Burg genutzt werden.
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* Satzvey 2008 - Das Wikingerdorf ” 

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Norbert von Thule
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Re: Klosterplan St. Satzvey

Beitrag von Norbert von Thule » 22.03.2015, 17:15

Gestern im Kölner Stadt-Anzeiger:
Klaus Pesch hat geschrieben:
Mittelalterdorf in Satzvey

„Halli Galli am Abend“ ist nicht zu erwarten

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Der Verein Weiler an der Vey plant ein Mittelalterliches Dorf in Satzvey. Dieses Bild stammt jedoch vom Mittelalterdorf Steinrode und zeigt, wie so etwas aussehen könnte. (Foto: Nemitz)

Für das künftige Mittelalterdorf in Satzvey soll der Bebauungsplan geändert werden. Der Verein Weiler an der Vey will auf der 6500 Quadratmeter großen Fläche, sechs bis sieben Gebäude errichten und alte Handwerkstechniken demonstrieren.  

Die Vorbehalte gegen neue Mittelalter-Attraktionen in Satzvey sind offenbar recht groß: Als der Verein Weiler an der Vey im Mechernicher Entwicklungsausschuss seine Pläne für ein Mittelalterdorf vorstellte, war Helmut Güttler (SPD) skeptisch: Vor etlichen Jahren habe schon einmal ein solches Dorf existiert. Die Satzveyer Bürger hätten damals riesigen Ärger mit der dortigen Lärmbelästigung gehabt.
Die Initiatoren wollten jetzt dort auch eine Taverne errichten. „Sie wollen sicherlich Einnahmen erzielen. Und das werden sie wohl nicht nur zu Zeiten der Ritterspiele machen“, mutmaßte Güttler. Um Satzveyer Bürger vor weiteren Ruhestörungen zu schützen, spreche sich die SPD-Fraktion gegen ein solches Projekt aus.
Doch sein Fraktionskollege Egbert Kramp sah sich eines Besseren belehrt, nachdem Vertreter des Vereins „Weiler an der Vey“ ihre Pläne vorgestellt hatten. Schriftführer Sebastian Mittnacht hatte erläutert, was im Einzelnen auf der 6500 Quadratmeter großen Wiesenfläche, die an die Burg Satzvey angrenzt, geplant ist. Der Verein wolle mittelalterliche Kultur erhalten und fördern sowie dazu anregen, sich mit Geschichte auseinander zu setzen. Alte Handwerkstechniken sollen dort demonstriert und ein Garten nach dem Dekret Karls des Großen angelegt werden.
Es solle kein großes Dorf werden, lediglich sechs bis sieben Gebäude sollten auf dem Terrain, auf die Mittelalter-Fans während der Ritterspiele bereits aktiv sind, entstehen. Man habe die fragliche Wiese von Franz Josef Graf Beissel von Gymnich gepachtet. Eine zentrale Rolle solle die Kirche darstellen, die der Mittelpunkt eines solchen Dorfes sei.

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Sebastian Mittnacht (r.) und Peter Schmidt informierten. (Foto: pe)

Während der Anfänge des Vereins sei man übrigens in Kontakt mit Joachim Kardinal Meisner gekommen. Und von diesem habe man die Erlaubnis bekommen, mittelalterliches Kirchenleben darzustellen. Natürlich wolle man keine echten Gottesdienste abhalten, sagte Mittnacht, sondern nur so tun als ob, die Sache eben „bespielen“. Bürgermeister Dr. Hans-Peter Schick sorgte daraufhin für Gelächter, als er unkte: „Aber keine Hexen verbrennen!“
Der Verein bestehe aus 33 Mitgliedern, davon zur Hälfte Kinder. „Unsere Manpower ist begrenzt“, sagte Mittnacht. Man wolle daher die Gebäude sukzessive, im besten Fall ein Gebäude pro Jahr, aufbauen. Außerdem seien eine Weberei und Färberei sowie eine Schmiede, ein Backhaus, ein Wachtturm und eine Taverne vorgesehen.
Letztere sorgte bei Güttler für große Befürchtungen, zumal er vermutete, dass damit Einnahmen generiert werden sollen. Mittnacht versicherte, man wolle diese lediglich für Rollenspiele nutzen. Und Stadtplaner Thomas Schiefer ergänzte: „Das Prinzip, wir saufen den Met bis keiner mehr steht, kann nicht funktionieren.“ Dies werde also keine Kneipe im klassischen Sinn mit „Halli Galli am Abend“ sein.
Man werde eine exakte Betriebsbeschreibung fordern. Dann könne man abschätzen, zu welchen Emissionen es kommen werde. Laut Mittnacht soll das Dorf in der Regel lediglich während der Ritterspiele genutzt werden. Das Mittelalterdorf könne aber eine erlebnispädagogisch nutzbare Stätte werden. Deshalb werde es aber nicht wesentlich mehr Veranstaltungen geben, wenngleich Termine für Kindergärten und Schulen durchführt würden.
Bürgermeister Dr. Hans-Peter Schick bat darum, dem Verein nicht von vorneherein die Tür vor der Nase zuzuschlagen.

Taverne wird nicht als Kneipe genutzt

Das frühere Dorf sei missbraucht worden, dort habe es Übernachtungen und laute Feten gegeben. Bei einem Verein mit 33 Mitgliedern, von denen die Hälfte aus Kindern bestehe, sehe er die Sache allerdings etwas anders. Und Peter Schmidt, der Vorsitzende des Vereins, sicherte zu: „Die Taverne wird keine zusätzliche Kneipe.“ Schließlich kam es zur Abstimmung: Bei zwei Gegenstimmen und drei Enthaltungen wurde beschlossen, das für das Projekt benötigte Bebauungsplanverfahren einzuleiten.

Montrose
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Re: Klosterplan St. Satzvey

Beitrag von Montrose » 22.03.2015, 20:58

Dort werden sich dann Heil- und Küchenkräuter wie Rosmarin, Salbei oder Majoran finden.
Jaja, die üblichen Pflanzen eben. Kräuterhexe? Dann müßten Alfred Biolek und Johann Lafer auch Kräuterhexen sein--- diese Pflanzen stehen in jedem modernen Kochbuch. Interessanter dürfte sein, daß es im Mittelalter auch Zierpflanzen gab, so der Goldlack http://de.wikipedia.org/wiki/Goldlack; Quelle Burgen in Hohenlohe S.151. Also wenn die Mittelalter-Schauspieler das Publikum beeindrucken wollen, dann erwarte ich doch ein bißchen mehr Spezialwissen und ein paar Überraschungen, die nicht Hinz und Kunz schon kennt.



Ich argwöhne, daß es hier eh nicht um Mittelalter, sondern um Sehnsüchte der Moderne geht. Die Mittelalter-Leute sind womöglich sowas wie eine Hippie-Bewegung.

Wesentliche Kennzeichen des Mittelalters kann man ohnehin nicht durch Bauten vermitteln. Die Mehrzahl der Menschen im Mittelalter war absolut unzufrieden mit der damaligen Gesellschaftsordnung, wie sich in Städtekriegen und Bauernaufständen zeigt. Wir könnten stolz darauf sein sein, dass es auf dem Gebiet des heutigen Deutschland Jahrhunderte vor der Französischen Revolution Volksbewegungen für mehr Freiheit und Gerechtigkeit gab. Die Tragik war, daß der Adel gewann und die einst tapferen Proto-Deutschen sich der Gewalt von Adel, Kirche und Rittern beugen mußten und somit für Jahrhunderte zu einem Volk von Duckmäusern wurden.

Die Mehrzahl der Menschen des Mittelalters wollten nicht im Mittelalter leben. Wenn sie die Chance gehabt hätten, wie wir mit Kaffeeautomaten, Supermärkten und Plasma-Fernsehern gesegnet zu sein, hätten sie diese Chance sofort ergriffen. Wenn heutzutage ein paar Frauen in häßlichen Klamotten durch eine Schlammsiedlung watscheln, was soll das bedeuten? Die Menschen des Mittelalters selbst würden diese Frage an die heutigen Laienschauspieler stellen: Was wißt ihr eigentlich darüber, was wir uns damals wünschten? Glaubt ihr, wir sind dem Adel und den Pfaffen gerne in den Hintern gekrochen? Ihr habt eine Demokratie geschaffen und seid dennoch so verblendet, daß ihr in unsere schreckliche Zeit zurückkehren wollt anstatt euren Wohlstand zu pflegen. Mittelalter-Bewegung .... was soll das, was ihr da treibt? Welchen Sinn hat das?

Wenn man Kindern zeigen will, wie es früher zuging, kann man genauso eine Arbeitersiedlung des ausgehenden 19. Jahrhunderts nachspielen. Warum gerade Mittelalter??? Nochmals: Was soll die Botschaft dieser Darstellung sein? Was sollen die Beobachter dieses Spektakels daraus lernen?

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Norbert von Thule
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Re: Klosterplan St. Satzvey

Beitrag von Norbert von Thule » 23.03.2015, 09:12

Gaius Iulius Phaedrus hat geschrieben:
De vulpe et uva

Fame coacta vulpes alta in vineaӬ
Uvam appetebat summis saliens viribus;
ӬQuam tangere ut non potuit, discedens ait:Ӭ
"Nondum matura est; nolo acerbam sumere."
Qui, facere quae non possunt, verbis elevant,
Ӭadscribere hoc debebunt exemplum sibi.

Montrose
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Re: Klosterplan St. Satzvey

Beitrag von Montrose » 23.03.2015, 10:35

So kann man es natürlich auch sehen: Weil der Montrose dieses nicht zustandebringt, macht er es anderen miesmadig.

Auch kann man sagen: da sind junge Leute mit Kindern und die wollen den Kindern halt etwas anderes bieten als nur vor dem Computer zu sitzen. Zumal die Kinder heute einen Widerspruch erleben, indem sie einerseits gewaltfrei erzogen werden, andererseits dann mit irgendwelchen Ego-Shooter-Spielen brutale Bilder einsaugen. Ein Schwert in der Hand zu halten, und dies in Gemeinschaft, mag einen verantwortungsvolleren Umgang von Macht vermitteln.

Schön und recht. Aber warum muss ICH das hier schreiben. Warum können Mittelalter-Fans solche Sätze nicht selbst generieren?

Irgendetwas sträubt sich in mir, historische Happenings ohne geisteswissenschaftliches Konzept als Kultur zu bezeichnen. Selbst wenn die Archäologen alles 100% rekonstruiweren, ist es in meinen Augen immer noch nur ein Disney-Land, ein Phantasie-Park.

Kultur wäre, wenn die Mittelalter-Szene einen Denkanstoß gäbe. Und den erkenne ich genauso wenig wie damals bei den Gothics. Und sorry, über Dinge nachzudenken ist genauso anstrengend wie Balken und Lehm aufeinanderzutürmen. Vielleicht sollte der Fuchs die anderen von seinen eigenen Weintrauben kosten lassen. Aber was brächte dies, wenn die anderen zwischen einem Billigfusel und einem noblen Monastrell gar nicht zu unterscheiden wissen.

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Re: Klosterplan St. Satzvey

Beitrag von Montrose » 04.04.2015, 16:48

Tatsache ist, daß diese Leute keinen eigenen Grundbesitz haben. Denn sonst bräuchten sie nicht Gelände des Grafen.

Zur Zeit der Völkerwanderung und im frühen Mittelalter waren die meisten Menschen freie Bauern mit eigenem Grundbesitz. Dann ging die soziale Schere auseinander. Manche Familien waren nicht erfolgreich, bisweilen hatten die Männer beim Spiel oder Besäufnis alles verpraßt. So kam es, daß etliche ihren Besitz verkaufen mußten und zu unfreien Bauern wurden. Wenn Leute für ihr Mittelalter-Dorf Land des Grafen pachten müssen, dann begeben sie sich genau in diese Rolle.

Ich vermute, daß da einige Leute aus dem heutigen Alltag ausbrechen wollen, frei sein wollen, vielleicht tatsächlich ein bißchen Hippie sein wollen. Dazu ist das Mittelalter aber eine denkbar schlechte Periode. Denn im Mittelalter herrschten starre Regeln, Arbeitnehmerschutz usw. wie heute gab es damals nicht, und auch weltanschaulich wurden die Menschen durch die Kirche massiv gegängelt. Entweder würden diese Leute in ihrem Mittelalter-Dorf sich und ihren Kindern eine Welt vorgaukeln, die es nie gegeben hat. Vor allem die Kinder wären damit nicht fit für das Leben, wenn sie permanent in Märchenwelten aufwachsen. Oder man müsste die Sache nach den Regeln durchziehen, die damals wirklich herrschten.

Ich als deutscher Bundesbürger habe zudem sehr wohl Grund dazu, hier mal ein paar Fragen an meine Mitbürger zu stellen. Wir leben im Jahr 2015, unsere Zivilisation erfolgt durch Verzahnung hochspezialisierter Berufe. Wenn einige Leute meinen, sie könnten sich ausklinken aus 2015 und einfach mal in der Vergangenheit verschwinden.... wer erfüllt dann die Aufgaben der Gegenwart? Ich gehe mal davon aus, daß die Mittelalter-Darsteller nicht zu Fuß oder per Pferd kommen, sondern mit dem Auto. Wer baut denn ihre Autos? Etwa Sir Lancelot?


Drei Ebenen sind zu unterscheiden:

1. Die aktuelle Rechtsverbindlichkeit. Das bedeutet ggf. dem Grafen Pacht zu zahlen, sich aber auch an die Auflagen des Ordnungsamtes zu halten. Und natürlich ist das Hausen in irgendwelchen Mittelalter-Hütten kein Ersatz für eine reguläre schulische und berufliche Ausbildung bzw. eine regulären Berufstätigkeit. Alle sozialen und juristischen Verbindlichkeiten des Jahres 2015 gelten selbstverständlich weiter, egal ob die Leute sich für Winnetou oder sonstwas halten.

2. Nach der Adelsordnung hat nur der Graf Beissel von Gymnich einen echten Adelstitel. Von den Veytalern z. B. hat keiner einen Adelstitel. Das bedeutet, daß alle jene, die als Ritter oder Adel in der Mittelalterszene rumhopsen, nichts weiter als Laiendarsteller sind. Anbei gilt dies auch für solche, die freie Bauern spielen und in Wirklichkeit gar keinen Bauernhof besitzen. Ich gehe davon aus, daß Adelstitel, auch wenn sie seit 1918 staatlicherseits obsolet sind, nach wie vor einem besonderen Schutz unterstehen, zumindest in Form von Legitimation innerhalb des echten Adels. Graf, Ritter usw. ist genauso geschützt wie der Doktortitel. Das heißt, ich kann mir diese Titel nicht einfach zusprechen, sondern ich muß sie erben oder mir verdienen. Das Problem der "Fantasy-Szene" (MA, LARP, Computerspiele) besteht darin, daß dort "Erfolge" oder Levels in einer Weise erzielt werden, die nicht mal ansatzweise an die Anstrengungen und Risiken geschichtlicher Ereignisse heranreichen. Die Fantasy-Szene praktiziert hier einen Selbstbetrug. Wenn z. B ein moderner Ritter körperlich fit und risikobereit wäre, dann befände er sich nicht auf einem Mittelaltermarkt, sondern auf einem Auslandseinsatz der Bundeswehr.

3. Spielregeln innerhalb der Mittelalter-Szene: wenn dieses Mittelalter-Dorf einen kulturellen Wert z. B. im Sinne experimenteller Archäologie haben soll, dann muß es authentisch sein. Das heißt konkret, die Dörfler müßten genau die Rollen einnehmen, die damals unfreie Bauern innehatten: Ehrerbietung gegenüber dem Grafen, Frondienste für den Grafen leisten, Abgaben zu leisten in Form von selbst erarbeiteten Naturalien (bloß Pacht zu zahlen, wäre ein bißchen zu bequem), und natürlich der regelmäßige Kirchgang, Beichte usw., was eben auf diesem Gebiet im Mittelalter üblich war.

Auch wenn die Veytaler nicht im Sinne von 2. belehnt sind, so käme ihnen doch nach 3. möglicherweise eine Ordnungsmacht zu. In Norbert und Kumpanen hat der (echte) Graf das Ritter-Amt zumindest gebilligt. Das heißt konkret, wenn die Dörfler den o. g. Verpflichtungen nicht nachkommen, dann wäre ihre Aktion zumindest als Mittelalter-reenactment zu beenden (dann wäre das halt eine gewöhnliche alternative Kommune ähnlich die der Hippies). Oder aber man bliebe im mittelalterlichem Regularium. Dies hieße aber, die Veytaler dürften bei Nichterfüllung der Pflichten die Dörfler maßregeln: also in einem Verließ gefangen halten, öffentlich an den Pranger stellen usw.

Diese Dörfler sollten sich das nochmals genau durch den Kopf gehen lassen, ob sie das alles bedacht haben. Oder ob es nicht klüger ist, wie bisher zweimal im Jahr mit den Kindern einen schönen Urlaub in Mallorca, Teneriffa oder den Malediven zu buchen. Die Rolle der Dörfler einzunehmen bedeutet, den Wohlstand und die Würde des Menschen nach modernen Maßstäben aufzugeben. Vor allem auch die Würde, denn die Menschenrechte, wie wir sie heute kennen, gab es damals nicht.

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Re: Klosterplan St. Satzvey

Beitrag von Norbert von Thule » 07.07.2015, 14:18

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